Clara-Maria Pitov (17) hat eine schwere Zeit hinter sich. Ihre Mama ist an Brustkrebs gestorben. Jetzt engagiert sie sich bei der Organisation Pink Kids, um Jugendliche in ähnlichen Situationen zu unterstützen.

Clara, deine Mutter ist 2011 an Brustkrebs erkrankt. Wie hast du damals davon erfahren?

Ach, am Anfang klang alles ganz harmlos. Ich war in den Sommerferien bei meiner Tante zu Besuch, die in Spanien lebt. Das war im August. Meine Mutter hat uns über Skype erzählt, dass sie immer so ein Kratzen im Hals hätte. Ihre Ärztin hat dann eine Art Knubbel entdeckt, den sie entfernen wollte.

Hast du dir deswegen Sorgen gemacht?

Überhaupt nicht. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass es was Schlimmes sein könnte. Meine Eltern haben das Wort Krebs auch später noch lange Zeit vermieden, obwohl sie längst wussten, dass es ernst ist. Als ich wieder zuhause war, haben sie für mich aber direkt einen Termin bei einer Kinderpsychologin gemacht, damit ich jemanden hatte, bei dem ich mich aussprechen konnte.

Wann ist dir klar geworden, dass deine Mutter vielleicht nicht wieder gesund wird?

Das war im November. Der Knubbel war eine Metastase, aber keiner wusste, woher sie kam. Zwei Monate lang haben die Ärzte gesucht, ehe sie einen Tumor in der Brust fanden. Er war noch sehr klein, aber so aggressiv, dass er schon gestreut hatte. Mein Vater und meine Tante, die ab der Erkrankung meiner Mutter in Deutschland geblieben ist, haben sich dann mit mir bei meiner Psychologin getroffen und mir gesagt, dass Mama sterben wird. Ich glaube, sie hatten bewusst einen neutralen Ort ausgesucht, an dem ich nicht auch noch von lauter Erinnerungen umgeben bin.

Das muss schrechlich gewesen sein für dich.

Es ging, eigenartigerweise. Ich glaube, ich habe das in dem Moment gar nicht wirklich begriffen. Auch die Monate danach nicht. Mama ist schon im Dezember gestorben, aber ich habe das alles wie in einer Trance erlebt. Ich habe mich regelrecht betäubt gefühlt. Um mich abzulenken, habe ich mich damals unheimlich auf die Schule konzentriert. Ich habe mich richtig aufs Lernen gestürzt.

Die Trauer kam erst später?

Ja, die Trauer und die Wut. Ich war wütend auf alles und jeden. Ich habe mich gefragt, was ich hier überhaupt soll? Meine Mama hatte Abi gemacht, studiert, eine Familie gegründet – aber alles, was sie je gemacht hat, wofür sie stand, war unwichtig, weil sie ja nicht mehr da war. Was war also der Sinn hinter all dem? Ich habe mich einfach nur leer gefühlt.

Was hast du gemacht, damit dieses Gefühl wieder weggeht?

Mir hat meine Psychologin sehr geholfen. Ich bin etwa zwei Jahre lang hingegangen, einmal oder zweimal in der Woche, je nachdem, was ich gebraucht habe.

Wie ist das denn abgelaufen?

Meistens habe ich ihr einfach nur erzählt, was in mir vorgeht. Ich habe mich richtig ausgekotzt … Sie hat mir gar keine großen Ratschläge gegeben, aber immer mal wieder nachgehakt. Wir haben also in ihren sehr gemütlichen Praxisräumen zusammengesessen und gequatscht. Manchmal, an besonders schlimmen Tagen, hat sie mir auch Entspannungsübungen gezeigt. Ich muss ehrlich sagen, dass auch ich mir bis dahin Termine bei einer Psychologin ganz anders vorgestellt hatte. Ich kann nur jedem raten, solch eine Möglichkeit zu nutzen! Es hat mir unheimlich geholfen.

Konntest du denn nicht mit deinem Vater darüber reden, was in dir vorgegangen ist?

Schon. Aber ihm ging es ja selbst nicht gut. Manchmal haben wir uns deswegen ziemlich angenervt und selbst über wahnsinnig unwichtige Kleinigkeiten gestritten.

Wie ist das heute, denkst du viel an deine Mutter?

Jeden Tag, aber es sind vor allem schöne Erinnerungen, die ich mir ihr verbinde.

Seit zwei Jahren engagierst du dich als Botschafterin für Pink Kids. Die Organisation wendet sich an Jugendliche, bei denen ein Elternteil Krebs hat. Warum hast du dich dort gemeldet?

Als es mir besser ging, hatte ich das Gefühl, dass ich etwas Sinnvolles tun möchte, anderen Leuten helfen. Bei Pink Kids kann ich meine eigenen Erfahrungen weitergeben.

Wie sieht das genau aus?

Andere Jugendliche können uns bei Pink Kids über verschiedene Social Media-Plattformen und die Homepage erreichen. Dort haben wir schon viele Infos zusammengestellt, auch über die Erkrankung. Außerdem können die User uns Botschafter persönlich anschreiben und Fragen stellen. Manche wollen auch einfach nur erzählen, was bei ihnen zuhause los ist.

Was möchtest du persönlich an andere weitergeben?

Das sind zwei Dinge. Zum einen möchte ich mit den Vorurteilen gegenüber Therapien aufräumen. Es ist wirklich ganz anders, als man es sich ausmalt. Es ist vor allem nichts, wofür man sich schämen müsste, und es kann eine unglaublich große Hilfe sein. Zum anderen möchte ich allen sagen, dass es immer einen Weg gibt! Man ist nie verloren! Keiner muss sich alleine fühlen! Geht auf unsere Homepage und vertraut euch uns an, wenn ihr sonst mit niemandem darüber reden könnt. Und zweifelt nie an euch selbst, ihr seid absolut richtig!