Lange Ärmel verstecken die Narben und Verletzungen am Arm – selbstverletzendes Verhalten bei Freunden und Freundinnen ist nicht immer leicht zu erkennen. Warum sich Menschen selbst Schmerzen zufügen und wie ihr darauf reagieren und helfen könnt.

Meist fängt es mit kleinen Verletzungen und harmlosen Quälereien an: Mit einem Faden um den Finger, der das Blut so lange staut, bis der Finger ganz weiß wird. Mit einem Feuerzeug, das die Haare auf der Haut absengt. Alles Teenie-Spielchen, die wohl jeder einmal macht. Doch bei einem Viertel der Jugendlichen in Deutschland bleibt es nicht dabei. Die Verletzungen werden heftiger und schmerzen mehr. Es entstehen Narben und manchmal sind die Wunden sogar lebensbedrohlich.

Warum verletzen sich Jugendliche selbst? Wie reagiere ich, wenn sich eine Freundin schneidet oder ritzt? Wo findet man Hilfe? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema Selbstverletzung:

Warum verletzen sich Jugendliche selbst?

Meist sind es Mädchen zwischen 12 und 15 Jahren sowie junge Frauen, die sich selbst verletzen. Sie fressen ihre Sorgen in sich hinein und tragen diese nicht mit Wut nach außen, wie dies Jungs manchmal tun. Selbstverletzung (Fachbegriff: Autoaggression) kann dann ein Ventil sein, um die negativen Gefühle wieder loszuwerden. Aber auch bei Jungen wird Autoaggression zunehmend häufiger. In Deutschland verletzt sich jeder vierte Teenie mindestens einmal im Leben. Bei einigen wird ein dauerhaftes Problem daraus.

Autoaggression ist ein Ventil zur Gefühlsregulation. Es wirkt wie eine Art Droge, eine Art Rausch, da der Schmerz kurzzeitig von psychischen Problemen ablenkt und Endorphine, Glückshormone, ausschüttet. Die innere Spannung nimmt vermeintlich ab, Sorgen erscheinen nicht mehr so schlimm. Außerdem haben die Betroffenen oft das Gefühl, Macht über den eigenen Körper zu erhalten. Manche beschreiben es als „wohltuend“ und „befreiend“, wenn sie sich selbst schneiden und sie das Blut aus sich herausfließen sehen.

Warum muss Selbstverletzung schnell behandelt werden?

Autoaggression ist ein Hilfeschrei, durch den die Jugendlichen einen großen psychischen Druck loswerden wollen. Schnelle Hilfe ist nötig, weil sich die Selbstverletzungen sonst immer weiter steigern können.

Meist stecken psychische Probleme wie Essstörungen, Depressionen, eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ, Angst- und Zwangsstörungen hinter der Autoaggression. Es können aber auch Reaktionen auf traumatische Lebenserfahrungen wie zum Beispiel Vernachlässigungen, Gewalterfahrungen, körperliche Misshandlungen oder Missbrauch, Suchtprobleme in der Familie, Trennungs- und Scheidungserfahrungen sein. Die Betroffenen haben oft das Gefühl, die Verletzungen verdient zu haben und sich nur so von ihren seelischen Qualen befreien zu können.

Hat Selbstverletzung Auswirkungen auf den Alltag der Jugendlichen?

Der Drang sich selbst zu verletzen bestimmt viele Situationen. Ein unbeschwertes Alltagsleben ist meist nicht mehr möglich. Das fängt damit an, dass der Akt der Verletzung vertuscht werden muss, zum Beispiel Blutspuren im Bad weggeputzt oder Verbandsmaterial unauffällig besorgt und auch wieder entsorgt werden muss. Die Selbstverletzungen nehmen viel Raum und Zeit ein. Außerdem sollen die Verletzungen selbst in der Regel geheim bleiben. Betroffene achten oft also penibel darauf, dass etwa die Ärmel immer lang genug sind und keinen Millimeter hochrutschen. Schwimmbadbesuche, Sportunterricht oder entspanntes Chillen mit Freunden in der Sonne werden so schon zum großen Problem.

Die Jugendlichen plagen zudem oft andere Probleme wie Schlafstörungen, oft auch Depressionen oder Zwänge, die den Alltag beeinflussen.

Warum werden die Verletzungen immer schwerer und extremer?

Natürlich steigert sich der Schweregrad der Verletzungen nicht bei allen Betroffenen, doch bei vielen wird die Autoaggression ohne psychologische Behandlung ausgeprägter. Der Grund: Bestimmte Verletzungen und Schmerzen kennt der Körper bereits, die Betroffenen empfinden sie nicht mehr als etwas „Außergewöhnliches“ und „Befreiendes“. Daher werden die Schnitte tiefer, die Verletzungsmethoden krasser, die Griffe zur Rasierklinge häufiger.

Für das Umfeld ist es oft sehr schwer, Autoaggression zu erkennen, da sich die Jugendlichen schämen und die Spuren der Verletzungen verstecken. Umso wichtiger ist ein gutes Netzwerk aus Kinder- und Jugendärzten, Sportlehrerinnen und -lehrern, die darin geschult sind, Selbstverletzungen zu erkennen.

Wie erkennt man selbstverletzendes Verhalten?

Meist sind es sehr viele Verletzungen an einer Körperstelle, zum Beispiel den Armen, den Beinen, der Brust oder dem Bauch. Die Narben reihen sich aneinander, oft in geometrischen Symbolen, Buchstaben oder sogar Wörtern. Meist sind die Jugendlichen jedoch Meister im Verstecken der Narben. Daher sollten Angehörige oder Freunde sehr aufmerksam sein und auf konkrete Signale achten:

  • Die Person trägt auch im Sommer lange Ärmel und lange Hosen. Und achtet penibel darauf, dass sie nicht hochrutschen.
  • Er/sie verbringt viel Zeit im Badezimmer und zieht sich auch sonst zurück: Er/sie möchte Hobbys nicht mehr nachgehen und auch nicht mehr an gemeinsamen Familienreisen teilnehmen.
  • Sie/er will sich nicht nackt zeigen und geht nicht mit ins Schwimmbad oder an den Strand.
  • In seinem/ihrem Zimmer hortet er/sie Desinfektionsmittel, Pflaster und Verbandsmaterial. Es könnten sich dort aber natürlich auch Gegenstände finden, mit denen man sich verletzen kann: Feuerzeuge, Messer, Kerzen, Rasierklingen…
  • Entdeckt ein Außenstehender die Schnittwunden und spricht sie an, gibt es scheinbar keine plausible Erklärung.
  • Die Verletzungen werden oft kleingeredet oder runtergespielt.

Wie sollte man reagieren, wenn man den Verdacht hat, dass sich jemand selbst verletzt?

Oft dauert es lange, bis Angehörige oder Freunde überhaupt etwas bemerken. Sie sind sich lange nicht sicher, ob Verletzungen nicht vielleicht auch auf einem anderen Weg entstanden sein könnten und glauben die Ausreden des Teenagers. Unbedingt sollte man aber auch bei einem leisen Verdacht reagieren und nachfragen, denn eine psychologische Therapie ist einem frühen Stadium wirkungsvoller. Wegschauen und ignorieren ist immer die falsche Entscheidung.

  • Hat man den Verdacht, dass sich jemand selbst ritzt oder schneidet, sollte man ihn oder sie vorsichtig in einer ruhigen Situation darauf ansprechen.
  • Vorwürfe und Druck sind nicht angebracht. Niemals sollte der Teenager kritisiert werden.
  • Ein Ultimatum, um mit dem selbstverletzenden Verhalten aufzuhören, hilft nichts und kann die Situation sogar verschlimmern. Druck von außen erhöht den Druck von innen.
  • Unbedingt sollte man deutlich machen, dass man Verständnis für die Situation hat und dass es immer Hilfe gibt: „Wir kriegen das hin, ich helfe dir!“ Wichtig: die verständnisvolle Haltung.
  • Möchte die Person nicht darüber sprechen, sollte man Unterstützung durch andere Stellen anbieten: Freunde, Beratungsstellen, Psychologen… Es fällt vielen leichter, sich fremden, unbeteiligten Menschen zu öffnen.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei Autoaggression?

Wenn man den Teenager frühzeitig einem Kinder- und Jugendpsychiater oder einem Kinder- und Jugendpsychotherapeuten vorstellt, kann man wirksam intervenieren. Nach einem ausführlichen Gespräch kann dieser je nach zugrunde liegender psychischer Erkrankung mit verschiedenen therapeutischen Maßnahmen behandeln. Möglich ist eine kognitive Verhaltenstherapie, die der Jugendlichen oder dem Jugendlichen neue Bewältigungsstrategien für Stresssituationen an die Hand gibt, um Emotionen besser zu kontrollieren.

In einem speziellen Training lernen Betroffene Strategien, die von der Selbstverletzung ablenken. Das können andere „extreme“ (aber harmlose) Reize sein, wie zum Beispiel puren Zitronensaft zu trinken oder ein Gummiband am Handgelenk schnalzen zu lassen. Auch aktive Ablenkung (z.B. durch Musik hören, Freunde treffen), Entspannungsübungen oder Tagebuch schreiben können helfen. Wichtig ist, die individuell richtige Strategie zu finden.

Bei Mobbing in der Schule oder am Arbeitsplatz ist ein Schul- oder Jobwechsel eine Möglichkeit. Wird die Situation in der Familie als belastend empfunden, kann eine Familientherapie helfen.

Die Betroffenen lernen aber auch Auslöser zu erkennen und rechtzeitig zu umgehen. Auch Entspannungstechniken wie Yoga, Atemübungen und Progressive Muskelentspannung helfen, Druck abzubauen. Langfristig lernt man bei einer kognitiven Verhaltenstherapie Auslöse-Momente zu identifizieren und neue Strategien zur Bewältigung belastender Situationen zu erlernen.

In einigen, schweren Fällen und wenn eine psychische Erkrankung zugrunde liegt, können auch Psychopharmaka wirken.

Um den Betroffenen die Scham wegen der Narben zu nehmen, können diese beim Hautarzt durch Narbensalben, eine Lasertherapie, Dermabrasion (Abtragen der oberen Hautschicht) oder Micro-Needling (kleine Nadelstiche in die obere Hautschicht) verkleinert werden.

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