Der Kölner Student Paul (23) hatte vor zwei Jahren schwere Depressionen, verbunden mit einer Angststörung. Für vigozone beschreibt er, was er erlebt hat.

Ich habe lange überlegt, ob ich meine Erfahrung mit Depressionen schildern soll. Denn es ist schon ein sehr persönliches Thema. Aber ich hoffe, dass ich damit anderen Betroffenen Mut machen kann!

Angefangen hat es direkt nach der Schule. Ich wusste nicht so recht, was ich machen soll. Also habe ich ein Praktikum in der Firma meines Vaters gemacht. Ihm gehört ein kleines Transportunternehmen, und natürlich hat er gehofft, dass ich dort einsteige und es später übernehme. Ich habe Wareneingänge kontrolliert, bin Gabelstapler gefahren – und mit jedem Tag ging es mir schlechter. Ich mochte morgens kaum noch aufstehen, habe mich immer seltener mit Freunden getroffen, weil ich einfach auf gar nichts mehr Lust hatte.

Mein bester Freund hat mich trotzdem überredet, mit zu einem Fußballspiel zu gehen. Wir sind beide Fans von Borussia Mönchengladbach. Im Gedränge vorm Einlass bekam ich plötzlich kaum noch Luft. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Ich musste da sofort weg und mich erstmal hinsetzen. Mein Freund hat auch aufs Spiel verzichtet und mich nach Hause gebracht. Sobald wir auf dem Rückweg waren, ging es mir besser. Trotzdem dachte ich, dass ich einfach nur eine Grippe kriege.

Die Panikattacken – ich habe erst später begriffen, was los war – kamen dann immer häufiger. Erst nur bei Dingen, auf die ich eigentlich keinen Bock hatte. Schließlich konnte ich fast überhaupt nichts mehr unternehmen. Ich hatte meine Gefühle nicht mehr unter Kontrolle. Selbst zur Geburtstagsparty einer Freundin, zu der ich unbedingt hinwollte, konnte ich nicht gehen, weil mich die Vorstellung, dort zu sein, in Panik versetzt hat. Ich bin immer häufiger den ganzen Tag im Bett geblieben und habe meinen Eltern erzählt, ich sei krank. Das Schlimmste war, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass sich dieser Zustand jemals wieder ändert.

Meine Tante hatte auch Depressionen, als sie jünger war. Deswegen hat meine Mutter glücklicherweise begriffen, was los war. Sie hat einen Termin bei einer Jugendpsychiaterin für mich gemacht. Ich war tierisch sauer und wollte da nicht hin. „Ich bin doch kein Psycho!“, habe ich sie angeschrien. Ich war echt blöd zu dem Zeitpunkt und habe nicht verstanden, dass Depressionen eben eine Krankheit sind, mit der man zum Arzt gehen muss wie mit anderen Krankheiten auch. Meine Mutter kann allerdings ziemlich stur sein … Am Ende saß ich also doch bei der Ärztin, und ich muss gestehen, dass das die beste Entscheidung meines Lebens war. Die Diagnose hat mich erschreckt, aber auch erleichtert: Depressionen. Die Panikattacken waren eine Begleiterscheinung, was wohl gar nicht so selten ist. Endlich wusste ich, was mit mir nicht stimmt.

Die Ärztin hat mir Antidepressiva verschrieben, durch die es mir nach einigen Wochen ganz langsam besser ging. Es hat allerdings Monate gedauert, bis ich wieder in der Lage war, ein einigermaßen normales Leben zu führen. Glücklicherweise halfen die Medis auch gegen die Angststörung. Gleichzeitig habe ich eine Therapie begonnen. Das war hart. Ich musste lernen, ehrlich zu mir zu sein und nicht ständig Dinge zu machen, die ich eigentlich nicht will. Mir war nicht bewusst, dass ich mich so verhalte, und das war es, was mich unter anderem krank gemacht hat. Was mir sehr geholfen hat, waren meine Eltern und meine Freunde. Alle hatten unheimlich viel Geduld und haben mich begleitet, wenn ich etwas Neues ausprobieren wollte und Schiss vor einer Panikattacke hatte.

Insgesamt hat es fast anderthalb Jahre gedauert, bis alles wieder okay war. Aber ich glaube, ich habe durch meine Erfahrung mit Depressionen viel gelernt, was für mein ganzes Leben wichtig ist. Ich achte jetzt mehr auf mich. Den Job bei meinem Vater habe ich übrigens geschmissen. Ich studiere Biologie. Das hat mich schon immer interessiert und von meinem Weg lasse ich mich nicht mehr so leicht abbringen.