Eine junge Frau in Kapuzenpullover läuft vor der Kamera weg auf verlassenen Zugschienen neben alten Wagons.

Jana* ist erst 13 Jahre alt. Sie ist heroinabhängig. Seit sie von Zuhause weggelaufen ist, lebt sie auf der Straße. Menschen betrachten sie mit Abscheu. Als sie 2018 die Grippe bekam, wurde sie im Krankenhaus abgewiesen: keine Versicherungsunterlagen. Man rümpfte die Nase: „Ihnen können wir nicht helfen”.
Das ist leider kein Einzelschicksal. Doch wie landen Mädchen wie Jana* auf der Straße? Wieso ist für geschätzt 20.000 Mädchen und junge Frauen in Deutschland die Straße Lebensmittelpunkt? Mit dem gemeinnützigen Verein TrebeCafé gehen wir auf Spurensuche.

Häusliche Gewalt als Beweggrund

In Deutschland sind die meisten Straßenkinder und -jugendlichen weiblich. Mädchen und junge Frauen entfliehen häuslicher Gewalt und Missbrauch. Andere geraten früher als Jungen in eine rebellische Phase der Pubertät. Fürs Ausreißen gibt es die unterschiedlichsten Gründe: der gewalttätige neue Freund der Mutter, Angst vor Strafen durch z. B. schlechte Noten, Drogenabhängigkeit – alles Vorstellbare ist dabei.

Entscheidung selten selbst getroffen

“Natürlich gibt es auch mal Mädchen, die einfach rebellisch sein möchten, sich nichts mehr von ihren Eltern sagen lassen möchten“, erzählt Jenni, eine der Betreuerinnen des TrebeCafés, doch das sei nur selten der Fall. Viel häufiger seien Misshandlungen der Grund. „Ein junges Mädchen stand mal mit ihrer kleinen Schwester vor unserer Tür“, sagt sie sichtlich betroffen, „beide wurden vom Vater missbraucht“. Deswegen steht auch „Männer bitte draußen bleiben“ auf einem Zettel an der Tür. Die Erlebnisse, die junge Frauen auf die Straße bringen, sind ganz unterschiedlich und an Traurigkeit oft schwer zu überbieten. Einige finden zwar einen vorübergehenden Schlafplatz bei Verwandten oder Freunden, doch diese sind selten von Sicherheit geprägt: An den meisten dieser Orte könnten sie schon am nächsten Tag wieder rausfliegen.

Lieber Straße als Notunterkunft

Vielen Mädchen macht der Gedanke, in einer Notunterkunft zu übernachten, Angst. Die Schlafstellen für Bedürftige sind oft in Gebieten gelegen, die von Drogenszene oder Prostitution dominiert werden. Auch sind oft Unterkunftsgäste selbst von harten Drogen abhängig, Befragungen zufolge die Hälfte. Deswegen bleibt auch Jana* lieber draußen – doch ohne zu schlafen, da sie Angst vor nächtlichen Übergriffen hat. Andere Mädchen und Frauen, deren Lebensmittelpunkt die Straße ist, leiden unter psychischen Erkrankungen. Sie halten es nicht in Notunterkünften oder Wohnheimen aus.

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Zurück ins „normale“ Leben

Wem der Boden unter den Füßen weggerissen wird, der steht vor großen Herausforderungen, die manchmal unmöglich zu bewältigen scheinen. Hinzu kommt belastender Druck von außen: Behörden setzen häufig Fristen, die nur schwierig zu halten sind, für jede Maßnahme gibt es nur einen festen Zeitrahmen. Schafft man es nicht, folgen Sanktionen. Im TrebeCafé arbeitet man deswegen ohne strikte Zeitpläne und auch ohne Sanktionen. „Die Mädchen kommen manchmal einige Monate lang hierher, bevor sie uns ansprechen“, sagt Betreuerin Kristina. Sie kommen, um zu essen, zu trinken, zu duschen oder sich mit neuer Kleidung zu versorgen, die dem TrebeCafé gespendet wird. „Man merkt, wie sie langsam Vertrauen zu uns fassen“, darauf basiert ihre Arbeit. Sie ist zwang- und bedingungslos, im Vordergrund steht das Aufbauen von Beziehungen. Fühlen sich die Mädchen wohl, haben sie einen sicheren Rahmen, um eine Zukunftsvision zu entwickeln und auch umzusetzen – in ihrem eigenen Tempo. Ihren Weg, ihr Ziel sowie die Zeit, die sie dafür brauchen, dürfen sie selbst bestimmen.

Die Idee funktioniert

Seit der Gründung 1996 konnte das TrebeCafé unglaublich vielen jungen Menschen helfen. Und das auch dank der Großzügigkeit einiger Spender: 1999 schenkte eine Frau dem Verein ein ganzes Haus, das heute Anlaufstelle für bis zu 20 Mädchen und Frauen täglich ist. Durchschnittlich sind sie 17 bis 22 Jahre alt. „Ich glaube, sie fand es einfach cool, den Mädchen und Frauen zu helfen“, meint Kristina, die fast seit Beginn Teil des Teams ist. Doch wer helfen will, braucht kein Haus und auch kein Geld: Kleidung, Kosmetik, Essen, selbst Geschirr – der Bedarf ist groß und breit gefächert. Nächstenliebe kann ganze Schicksale retten: „Oft erhalten wir Jahre später Briefe oder E-Mails von unseren ehemaligen Schützlingen“, erzählt Betreuerin Jenni, „es ist einfach berührend zu sehen, dass wir jemandem zurück in ein normales, schönes Leben helfen konnten. Dafür lohnt es sich zu kämpfen!“.

Das TrebeCafé liegt in der Kölner Straße 148 in 40227 Düsseldorf. Montags und dienstags öffnet es von 10 bis 13 Uhr seine Türen, hier gibt es auch Frühstück. Mittwochs ist Mutter-Kind-Tag, die Betreuerinnen sind von 13 bis 16 Uhr für jeden da, und donnerstags bis sonntags gibt es zwischen 17 und 20 Uhr Abendessen und natürlich immer ein offenes Ohr.
In unserem IGTV Format #Repost kannst du das TrebeCafé, Jenni und Kristina auch im Video kennenlernen.
Wir bedanken uns bei Kristina und Jenni für das offene Interview und noch viel mehr für ihre großartige Arbeit!

*Name von der Redaktion geändert.