Zeichnung einer Lunge

Am 4. Juni ist Tag der Organspende – aber Organe werden 365 Tage im Jahr gebraucht. Die wichtigsten Fragen zu Organspende und Organspendeausweis.

Marius Schaefer ist ein ganz normaler junger Mann. Der 21-jährige aus Oeventrop (NRW) studiert Sonderpädagogik, spielt gerne Tennis und fährt im Urlaub leidenschaftlich Ski. Dass er sein Leben heute so gestalten kann, ist jedoch keine Normalität – denn er hat es einer Organspende zu verdanken.

„Mit eineinhalb Jahren wurde bei mir Mukoviszidose diagnostiziert,“ erinnert sich Marius. „Das ist eine Stoffwechselerkrankung. Mit elf Jahren ging es mir sehr schlecht, weil meine Lunge nicht richtig gearbeitet hat. Ich lag im Krankenhaus in Bochum und war an Beatmungsgeräte angeschlossen. Zwei Wochen vor der OP lag ich im künstlichen Koma, weil meine Lunge komplett versagt hatte und ich zu ersticken drohte. Ich war eigentlich zu jung für eine Lungentransplantation. Die werden normalerweise erst im höheren Alter durchgeführt. Aber bei mir war sie eben dringend notwendig. Wenn ich keine Spenderlunge bekommen hätte, würde ich heute nicht hier sitzen.“

Zu wenig Bereitschaft zur Organspende

Eine Organspende kann Leben retten, aber zu selten entscheiden sich Menschen dafür. 2021 warteten in Deutschland 8458 Menschen auf eine Organtransplantation, es gab aber nur 933 Organspender.

Zwar sprechen sich 81 Prozent der Deutschen für eine Organspende aus, doch nur etwa 39 Prozent haben laut der Deutschen Stiftung Organspende überhaupt einen Organspendeausweis indem sie festgelegt haben, ob und welche Organe sie nach ihrem Ableben spenden möchten. Die Mehrheit überlässt also die Entscheidung, wie mit ihren Organen verfahren werden soll den Angehörigen.

Marius Schaefer möchte das ändern. Er engagiert sich bei bei dem gemeinnützigen Verein „“, der auf Schulbesuchen, Events und mit prominenter Unterstützung u.a. von Klaas Heufer-Umlauf, Jürgen Vogel und Loretta Stern aufklärt über das Thema Organspende.

 

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„Wir wollen das Thema aus der Tabu-Ecke rausholen. Unser Motto ist: ‚Entscheidend ist die Entscheidung‘. Das heißt, es geht darum, sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen, mit Freunden und Familie darüber zu reden“, erklärt Marius. „Egal wie die Entscheidung dann ausfällt. Jeden Tag sterben in Deutschland drei bis vier Menschen, die auf ein Spenderorgan warten, weil kein passendes für sie gefunden werden kann. Das muss sich ändern!“

Was ist Organspende eigentlich genau?

Organspende bedeutet, dass gesunde Organe oder Gewebe an kranke Menschen weitergegeben werden, deren Überlebenschancen oder deren Gesundheitszustand sich dadurch erheblich verbessert. Das setzt selbstverständlich den kompletten und unwiderruflichen Ausfall aller Gehirnfunktionen des Spenders oder der Spenderin voraus – den sogenannten Hirntod. Dieser wird von mindestens zwei erfahrenen Ärzt:innen auf der Intensivstation eines Krankenhauses unabhängig voneinander geprüft.

Wird im Ernstfall wirklich alles für mich getan?

Je nach Schwere der Hirnschädigung gilt ein Beobachtungszeitraum von 12 bis 72 Stunden, in denen der Körper künstlich „am Leben“ gehalten wird. Erst danach kann es überhaupt zu einer Organspende kommen. Voraussetzung ist, dass der/die Tote zu Lebzeiten schriftlich zugestimmt hat oder – im Falle eines nicht vorhandenen Spendeausweises – die nächsten Angehörigen dies nach dem Tod tun. Zweifellos fest steht: Das Leben dieses Menschen hat unter Einsatz aller medizinischen Maßnahmen immer Vorrang. Die Angst, Ärzt:innen könnten sich bei Organspender:innen weniger Mühe geben, ist völlig unbegründet.

Welche Organe können gespendet werden?

Gespendet werden können sowohl Organe als auch Gewebe. Dazu zählen zum einen Herz, Leber, Lunge, Niere, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm, zum anderen Blutgefäße, Teile der Haut, Hornhaut der Augen, Knorpel, Sehnen, Bänder und Knochengewebe. Während bei einer Organtransplantation jede Minute zählt, können Gewebespenden auch noch mehr als einen Tag nach dem Tod entnommen werden. Sie werden aufbereitet und in sogenannten Gewebebanken gelagert, bis es zu einer Operation kommt.

Warum haben verhältnismäßig wenig Menschen einen Organspendeausweis, obwohl doch eine Mehrheit für eine Organspende ist? Marius Schaefer vermutet, „weil sich niemand gerne mit dem eigenen Tod beschäftigen will. Wenn man über einen Organspendeausweis oder darüber nachdenkt, was nach seinem eigenen Tod passiert, wird einem ja eher mulmig. Es sollte aber unsere Pflicht sein, sich damit auseinanderzusetzen. Denn sollte der Fall eintreten, dass man als Organspender in Frage kommt, dann ist es unfassbar schwierig für die Angehörigen, hinterher eine Entscheidung zu treffen. Das fällt weg, wenn man vorher darüber gesprochen hätte. Aber es kursieren auch viele falsche Fakten in dem Zusammenhang, die nicht stimmen, wie zum Beispiel, dass man möglicherweise noch gar nicht tot ist. Dabei muss der Hirntod von zwei Ärzten unabhängig voneinander festgestellt werden.“

Was bringt ein Organspendeausweis genau?

Mit einem Organspendeausweis kannst du selbstbestimmt entscheiden, was mit deinem Körper im Ernstfall passiert. Deinem auf dem Ausweis festgehaltenen Entschluss kann später niemand mehr widersprechen. Diese Möglichkeiten stehen dir offen:


1. Ja! Mit diesem Kreuz stimmst du einer Organspende uneingeschränkt zu.
2. Diese Organe nicht! Mit diesem Kreuz schließt du bestimmte Organe/Gewebe aus.
3. Nur diese! Mit diesem Kreuz gibst du bestimmte Organe an, die du spenden möchtest.
4. Nein! Mit diesem Kreuz lehnst du die Organspende komplett ab.
5. Stellvertreter: Mit diesem Kreuz kannst du die Entscheidung auf eine andere Person übertragen. Informiere sie aber unbedingt!

Jetzt noch deinen Namen, deinen Geburtstag und deine Adresse eintragen, das Ganze unterschreiben und schon hast du verantwortungsvoll gehandelt.

Wie bekomme ich einen solchen Ausweis?

Sobald du 16 bist, schickt dir deine Krankenkasse einen Organspendeausweis zu oder informiert dich, wo du ihn bekommst – selbstverständlich kostenlos. Ach ja: Bewahre den Ausweis am besten in deiner Geldbörse auf, damit man ihn auch wirklich findet! Im Ernstfall ist Zeit wichtig, es kann um jede Stunde gehen. Und sprich mit deiner Familie über die Entscheidung, die du getroffen hast – du nimmst ihnen damit eine Menge Verantwortung ab.

Marius‘ Geschichte zum Nachlesen

Wie lief die Suche nach einer neuen Lunge damals für dich ab?
Marius: Ich kam Anfang Januar 2012 auf die Warteliste für Organstransplantationen. Passiert ist da aber im Grunde nichts, weil man keine passende Lunge für mich gefunden hat. Es gibt Menschen, die warten ewig, andere kriegen nach 24 Stunden den Anruf. Ich habe aber nie ein Angebot gekriegt.

Wie wurde dann doch noch ein Spender für dich gefunden?
Marius: Mein Arzt war erst zuversichtlich, dass noch eine passendes Spenderlunge gefunden wird, weil es bei seinen vorherigen Patienten auch bisher immer geklappt hatte. Als es aber dann mit mir den Bach runterging, hat er mich für die Lebendlungentransplantation vorgeschlagen. Dann wurden bei meinen Eltern Bluttests durchgeführt und es kam raus, dass sie als Spender infrage kommen. Wenn sie nicht die gleiche Blutgruppe wie ich gehabt hätten, wäre das gescheitert.

Eine heikle Situation! Wie ging es dann weiter?
Marius: Es gab natürlich Zweifel: Was passiert, wenn meine Eltern beide versterben sollten? Was passiert dann mit meiner Schwester? Letztlich haben wir das Risiko dann aber in Kauf genommen. In Hannover, wo die OP dann stattfand, weil es nur dort möglich war, haben sich auch nur Spezialisten um uns gekümmert. Neun Stunden hat die Transplantation gedauert. Meine Eltern haben mir jeweils einen Lungenlappen gespendet, die ich heute in mir trage.

Wie hat dein Körper die neue Lunge angenommen?
Marius: Ich musste Medikamente nehmen, damit mein Körper die Lunge nicht abstößt. Die waren schon ziemlich stark und mir war eigentlich ständig übel. Meine Nieren hatten versagt und ich musste danach noch an die Dialyse. Das war gar nicht so leicht. Aber irgendwann hat man sich daran gewöhnt. Der Körper hat sich daran gewöhnt. Danach ging es dann langsam bergauf.

Wie lange hat das gedauert, bis es dir wieder einigermaßen gut ging?
Marius: Ich wurde am 26. April 2012 operiert und würde behaupten, dass ich schon bis Ende des Jahres gebraucht habe, um wieder so richtig fit zu sein. Da konnte ich dann aber auch wieder Fußball spielen und Sport treiben und war wieder voll da. Und die Übelkeit mit den Tabletten hat dann auch so allmählich aufgehört.

Welche Unterstützung hast du damals von deinen Freund:innen bekommen?
Marius: Ich habe jede Woche Besuch von meinen Freunden bekommen. Den größten Rückhalt habe ich aber hinterher, also nach der Transplantation erfahren, wo kein Wochenende oder Feiertag verging, an dem nicht mindestens ein Freund oder eine Freundin von mir oder meinen Eltern da waren. Das war 220 Kilometer von meiner Heimat entfernt, da hat man wirklich gemerkt, wer ein Freund fürs Leben ist und wer mit einem durch die schwerste Zeit seines Lebens geht. Das hat mir auch gezeigt, wofür es sich lohnt, zu kämpfen.

Würdest du sagen, dass die OP dich in irgendeiner Weise verändert hat?
Marius: Ich habe durch die Zeit gelernt, was es heißt, mein Leben zu leben. Ich bin immer auf der Suche nach dem nächsten Highlight und gucke, was ich als nächstes Cooles veranstalten kann. Weil ich einfach gemerkt habe, wie schön das Leben ist. Ich will aus jedem Tag was Besonderes rausholen.

Organspende rettet Leben!

Marius Schaefer wird weiter dafür werben, dass jeder Tag im Jahr ein Organspendetag wird. Denn jede Organspende kann Leben retten. Wie bei Marius. „Ohne Organspende hätte ich keine Chance gehabt. Jetzt freue ich mich über jeden neuen Tag, den ich erlebe und genießen kann.“

Du bist noch unsicher, wie du zur Organspende stehst? Unsere zwei Tipps: 1. Informiere dich ausgiebig. Dass du diesen Artikel gelesen hast, ist ein guter Anfang. Tipp 2: Sprich in der Schule oder zuhause mit deinen Eltern, Geschwistern und Freund:innen darüber. Vielleicht haben sie noch mehr interessante Infos. Guter Nebeneffekt: Dadurch lenkt ihr gleichzeitig mehr Aufmerksamkeit auf das wichtige Thema! #Spreadtheword