Ein Mann küsst einen anderen Mann auf die Wange

Wen man liebt, geht eigentlich niemanden etwas an. Sich zu verstecken, wenn die eigene sexuelle Orientierung nicht den Erwartungen von Freunden und Familie entspricht, ist aber auch keine Lösung. Warum ein Coming-out Sinn macht und was dabei helfen kann.

LGBTQ – lesbisch, gay, bisexuell, transgender, queer: Wie erzähle ich anderen, dass ich nicht hetero bin? Fühlst du dich betroffen und hast dir darüber auch schon den Kopf zerbrochen? Die Sorge, wie Eltern und Verwandte, Freunde und Freundinnen, die Leute in der Schule, am Ausbildungsplatz oder im Sportverein auf so eine Info reagieren, lässt viele junge Menschen vor einem Coming-out zögern. Doch die Sexualität ist eine wichtige Facette jeder Persönlichkeit – was du begehrst und liebst, das gehört einfach zu deinem Gesamtbild dazu. So kann es sehr belastend sein, einen wesentlichen Teil von sich zu verbergen. Wie lässt sich am besten damit umgehen?

Outing: Was spricht dafür?

Die eigenen Empfindungen entdecken, sich seiner sexuellen Orientierung bewusst werden: Zunächst ist das ein innerer Prozess. Die einen finden es ganz natürlich, wenn nicht ein Mädchen, sondern der beste Freund für Herzrasen sorgt – oder eben umgekehrt. Andere müssen erst selbst akzeptieren, was sie anmacht. Damit nach außen zu gehen, ist noch mal eine andere Nummer. Einige meinen, dass die sexuelle Orientierung keinen etwas angeht. Schließlich stellt sich auch niemand auf einer Party vor und betont „Hey, ich bin übrigens hetero“. Andererseits hilft es bei der eigenen Identitätsfindung, wenn man über seine Gefühle und Bedürfnisse offen sprechen kann. Wer selbstbewusst schwul oder lesbisch lebt, hat damit auch bessere Chancen Menschen mit ähnlichen Orientierungen zu begegnen, Partner und Beziehungen zu finden. Nicht zuletzt ist ein Coming-out ein gesellschaftspolitisches Statement: Schwules Leben sichtbar machen, führt Schritt für Schritt zu noch mehr Akzeptanz.

Du bist nicht allein!

Youtuber Josef Buchholz (über 1,8 Millionen Follower auf Joey’s Jungle) hat’s getan genauso wie die Schauspielerinnen Kristen Stewart und Cara Delevingne sowie ehemaliger Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger: Sie stehen offen dazu, gleichgeschlechtliche Partner:innen zu lieben. Die Liste der Promis lässt sich aus allen Bereichen der Gesellschaft ergänzen: „Ich bin schwul und das ist auch gut so“, outete sich Klaus Wowereit, damals regierender Bürgermeister von Berlin, schon 2001.

Mit der Initiative #actout traten Anfang 2021 185 lesbische, schwule, bisexuelle, queere, nicht-binäre und trans Schauspieler:innen an die Öffentlichkeit. Mit ihrer Forderung nach mehr Anerkennung haben sie nochmals die öffentliche Debatte um Akzeptanz angestoßen. Ein echter Knall für die Community, der jedem Einzelnen Mut macht, sich nicht länger zu verstecken. Nicht nur Künstler, sondern auch Menschen in wichtigen Staatsämtern bekennen sich zu ihrer Neigung, so ist zum Beispiel Bundesgesundheitsminister Jens Spahn seit 2017 mit dem Journalist Daniel Funke verheiratet.

Du bist im Recht!

Weltweit haben inzwischen 28 Länder die Ehe für gleichgeschlechtliche Paar geöffnet, Deutschland 2017. Längst überfällig löschte der Deutsche Bundestag den § 175 im Jahr 1994 aus dem Strafgesetzbuch. Dieser Passus stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe. Stattdessen verbietet hierzulande das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz Diskriminierungen aufgrund der sexuellen Orientierung.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) strich am 17. Mai 1990 Homosexualität aus dem Diagnoseschlüssel für Krankheiten. Seither gilt der 17. Mai als Aktionstag gegen Homophobie. In vielen Städten finden dann sowie an anderen Terminen Veranstaltungen der LGBTQ-Community statt: etwa Sexy Pride World oder Gay Pride.

Wie gelingt ein Outing?

„Papa, ich bin schwul…“ So leicht sagt sich so ein Satz nicht. Auch wenn das Verhältnis zu den Eltern grundsätzlich gut ist, geht es hier immerhin um eine sehr persönliche, intime Sache. Je offener Familien miteinander umgehen, desto leichter wird dir auch dein Outing fallen. Oft handelt es sich schließlich um ein offenes Geheimnis, das nur noch nie ausgesprochen wurde. Bedenke: Deine Eltern kennen dich wahrscheinlich besser als du glaubst und sind weniger überrascht als du es dir vorstellst. Ähnlich kann es im Freundeskreis der Fall sein.

Dennoch wäre es möglich, dass gerade enge Freunde und Freundinnen deine Orientierung auf sich beziehen und sich dann fragen, ob bei eurer Freundschaft sexuelle Gedanken im Spiel waren oder sind. Am besten räumst du solche Missverständnisse so schnell wie möglich aus. Erklär deinem Kumpel oder deiner besten Freundin, wie du zu ihm oder ihr stehst.

Das kannst du auch üben, um die richtigen Worte zu finden: Such dir eine Person deines Vertrauens. Besprich am besten, dass das Gespräch vertraulich ist. Gemeinsam könnt ihr überlegen, wie du dein Outing einleiten kannst, mit welchen Reaktionen du rechnen musst – und wie du damit umgehst. Falls du in deinem unmittelbaren Umfeld niemanden kennst, der dir als erster Gesprächspartner für dein Probe-Outing geeignet erscheint: Rat und Hilfe findest du auch bei Beratungsstellen (siehe unten).

 

Was tun, wenn Probleme auftauchen?

Diskriminierung ist leider immer noch nicht aus unserem Alltag verschwunden. Religiöse oder traditionelle Überzeugungen, manchmal mag auch Angst vor eigenen nicht-heterosexuellen Gefühlen dahinterstecken: Du wirst Vorurteilen begegnen und durch respektlose Reaktionen vielleicht auch mal verletzt werden. Mit einem guten Selbstbewusstsein wappnest du dich gegen mögliche Beleidigungen und Angriffe.

 

Wichtig ist, dass du dich über deine Erfahrungen austauschen kannst. Ein guter Anlaufpunkt sind Beratungsstellen (siehe unten). Wenn du dabei lieber anonym bleiben möchtest, bieten sich auch Chatforen an, etwa das Peer-to-Peer-Beratungsprojekt von Lambda Bund. Dabei werden Jugendliche und junge Erwachsene geschult und professionell begleitet, um selbst Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis zum Alter von 27 Jahren zu beraten.

Hier findest du Hilfe

Nicht nur in den Großstädten gibt es Jugendzentren, die sich auf junge LGBTQ und deren Probleme mit dem Coming-out eingestellt haben. Infos rund um queere Lebens- und Gesundheitsthemen sowie Beratung bei seelischen Problemen – persönlich, telefonisch oder online – bieten etwa Pro Familia sowie die Aidshilfe an. Auch Angehörige finden hier Rat bei Fragen.

Ein Verzeichnis der bundesweiten und regionalen Beratungsstellen findest du auf dem Regenbogen Portal, einer Seite des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Hier gibt es auch eine PLZ-Suche für Anlaufstellen in deiner Nähe.

Wie sind deine Erfahrungen zum Thema Coming-Out? Hast du Tipps für andere Menschen in dieser Situation? Teile sie gerne mit uns auf Instagram.