Azubis

Auf den Schultern von Auszubildenden lasten oft viel Stress und Druck. Das ist auf Dauer natürlich nicht gut. Ein Psychologe erklärt, wie man gesund durch die Ausbildung kommt.

Schon gewusst? Nicht allen Auszubildenden geht es gut. Fast jeder und jede zweite klagt über psychische Probleme. Mehr als ein Drittel macht regelmäßig Überstunden. Mehr als die Hälfte fühlt sich nicht fit; die meisten leiden an Kopf- und Rückenschmerzen. Uff – irgendwie keine guten Aussichten!

So muss es aber nicht kommen. Der Psychologe Jürgen Theissing weiß, wie schwer es Menschen nach dem Berufseinstieg haben können, denn er bietet Coachings für eben diese Gruppe an. Im Interview gibt er Tipps, wie man es gesund durch die Ausbildung schafft, für sich selbst einsteht und sich vor allem nicht zu sehr stressen lässt.

Eine Ausbildung geht oft mit psychischem Stress einher. Wie komme ich dadurch?

Dr. Theissing: Einmal kann man versuchen, sich kurzfristig zu entspannen, zum Beispiel durch kleine Achtsamkeits- oder Atemübungen. Solche Techniken helfen, bei hoher Anspannung kurz runterzufahren und nicht kopflos zu werden. Wer gestresst ist, macht oft Fehler, die zu noch mehr Problemen führen.

Die Alternative wären langfristige Veränderungen. Ich muss mich fragen: Was sind die Ursachen, die meinen Problemen zugrunde liegen? Vielleicht gibt es Lösungen dafür. Außerdem ist es ganz wichtig, auf die eigene Zufriedenheit zu achten. „Was tut mir eigentlich gut?“ Das mag banal klingen, hilft aber in Stressphasen enorm, um Kraft zu schöpfen.

Was kann ich tun, wenn ich mich nicht nur manchmal, sondern immer wieder gestresst fühle?

Dr. Theissing: Es gibt ein paar praktische Tipps, die man ausprobieren kann.

Thema Zeitmanagement: Wenn die To-Do-Liste ellenlang ist, muss man Dinge priorisieren. Also zum Beispiel konkret Zahlen an die Aufgaben schreiben von 1 bis X. Was muss zuerst erledigt werden? Die Aufgabe bekommt eine 1 und so weiter. Das hilft, um nicht in eine sogenannte Aufschieberitis zu kommen.

Bei dem Zeitplan kann man sich auch überlegen, wann man am produktivsten ist und welche Aufgabe zu welcher Tageszeit vielleicht am passendsten wäre.

Der nächste Punkt setzt an der eigenen Einstellung an. Ein Beispiel: Ein Kollege stellt sein Telefon auf dich um, weil er in die Mittagspause geht. Du bist erst seit kurzem dabei – und reagierst innerlich gestresst. Du fragst dich, ob du diese neue Verantwortung tragen kannst. Die Situation lässt sich aber auch anders bewerten: Der Kollege wird schon wissen, ob er dir das Telefon anvertrauen kann – es wird nichts Schlimmes passieren.

Fühlt man sich gestresst und überfordert von einer Situation, hilft es oft, die eigene Bewertung dieser Situation zu hinterfragen: Ist wirklich alles so schlimm, wie ich denke? Darf ich mir wirklich keine Fehler erlauben?

Was sind Ihrer Erfahrung nach die häufigsten gesundheitlichen Probleme, die junge Menschen nach dem Berufsstart erleben?

Dr. Theissing: In den Seminaren treffe ich oft Leute, die noch gar nicht so große Probleme haben. Sie klagen eher über Kopfschmerzen, leichte Schlafprobleme. Das sind klassische Stressreaktionen, die sich zu Anpassungs- und Belastungsstörungen auswachsen können. Deshalb sollte man schon an so einem Punkt sagen: Ok, ich muss was ändern.

Was könnte ich ändern, um meinen Arbeitsalltag gesünder zu gestalten?

Dr. Theissing: Was in der Schule besser strukturiert ist als im Job, sind regelmäßige Pausen. In der Ausbildung oder im Berufsalltag braucht man dafür höhere Eigenverantwortung. Da es keine festgelegten Pausenzeiten gibt, muss man selbst aufpassen, nicht komplett „durchzuziehen“, nur weil man gerade im Flow ist. So wird man nämlich schnell erschöpft.

Empfehlenswert sind kleine Atem- oder Entspannungsübungen zwischendurch, quasi Achtsamkeit to go.

Was ist, wenn mich mein hoher Workload stresst?

Dr. Theissing: Man sollte sich realistische Ziele setzen, um Druck rauszunehmen. Überleg einmal: Was kann ich überhaupt in der Zeit schaffen? Manchmal verlangen Chefs auch mehr, als machbar ist. Wenn Ziele unrealistisch sind und ich aber denke, „ich muss das schaffen“, gerät man in Stress und Frustration – weil es nicht funktioniert.

Auch wenn es schwerfällt, muss man lernen „Nein“ zu sagen. Ansonsten kommt keine realistische Zeitplanung zustande.

Ich traue mich nicht, mal „Nein“ zu sagen oder Kontra zu geben. Wie kann ich Probleme im Team ansprechen?

Dr. Theissing: Vorab: Es ist dein gutes Recht als Azubi, ein Problem anzusprechen. Da muss man keine Angst haben, nur weil man sich noch in der Ausbildung befindet.

Wenn es mal Probleme gibt, sollte man immer darüber sprechen. Es gibt verschiedene Basics für die Kommunikation, an denen man sich orientieren kann:

  • Nachdenken: Worum geht es – was will ich eigentlich sagen? Gute Argumente für die eigene Position überlegen.
  • Selbst bestärken: Du musst kein schlechtes Gewissen haben.
  • Selbstbewusst kommunizieren: Nicht nuscheln, Blickkontakt suchen.
  • Verständnis zeigen: In Ich-Form formulieren und keine Vorwürfe machen. Verständnis für die Position des Gegenübers zeigen.
  • Neutral bleiben: Nicht emotional werden oder angreifen.

Viele machen sich vor so einem Gespräch große Gedanken darüber, wie „die anderen“ reagieren werden. Und dann ist die Reaktion – Überraschung! – gar nicht so schlimm.

Wie schaffe ich es, für mein eigenes Wohl einzustehen?

Dr. Theissing: Grundsätzlich sollte man sich selbst fragen: „Was ist mir eigentlich wichtig?“ Auf der Arbeit verliert man das schnell aus den Augen – vor allem, wenn es stressig ist und man viele Aufgaben zu erledigen hat. Es gibt Erwartungen von anderen, die man erfüllen will. Dabei ist auch wichtig zu bedenken: „Was möchte ich selbst? Was erwarte ich von der Zeit?“ Den Blick mal nach innen zu lenken, hat nichts Egoistisches.

Wenn diese Überlegungen zum Vorschein bringen, dass man gar nicht zufrieden ist, muss man schauen, was sich ändern lässt. Vielleicht helfen schon kleine Pausen zwischendurch, eine andere Strukturierung des Arbeitsalltags oder ein klärendes Gespräch.

Ausbildung abbrechen oder wechseln: Das solltest du beachten

Wo finde ich Hilfe, wenn ich merke, „es geht mir nicht gut, so geht es nicht weiter“?

Dr. Theissing: Die erste Anlaufstelle im Unternehmen sollte immer der Ausbilder oder die Ausbilderin sein. In größeren Betrieben kann man sich auch an sogenannte Ausbildungsbeauftragte oder den Betriebsrat wenden.

Online gibt es ein kostenloses Hilfsangebot namens „Dr. Azubi“ von der Jugendabteilung des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Dort kann man anonym Fragen stellen und kriegt zeitnah Infos und Hilfestellung.

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